Mein Kampf

Ha, hab ich euch mit dieser Überschrift ins Bockshorn gejagt? Nein, in diesem Beitrag kommt kein Schreihals aus Österreich vor, tatsächlich geht es um den Schreihals in meinem Bauch. Er heißt ebenfalls Adolf, hat mit dem aus Film und Funk bekannten Verführer aber nichts zu tun. Er ist nämlich keine Nazi-Sau, sondern eine Fettsau, eine verfressene, dumme, dreiste, kleine, beschissene Fettsau, die ausgemerzt (ja, ich weiß) gehört. Geschmacklos? Gut, denn darum soll’s im Folgenden auch gehen, nämlich darum, wie ich den Geschmack an mir selbst verlor – und wieder gewann.

Eigentlich wollte ich nie über meinen Magenadolf bloggen, zu persönlich und so, aber wenn ich mir so einige Einträge hier anschaue, ist der Zug in dieser Hinsicht ohnehin längst abgefahren. Ich mache das auch nicht, um irgendwie anzugeben, sondern um mir selber Mut zu machen. Ich habe nämlich einen so genannten Milestone erreicht. Eigentlich sollte mir diese Tatsache allein schon genug Mut machen. Ich habe auf meiner Reise allerdings gemerkt, dass ich …

Simon, worum geht’s hier eigentlich, was willst Du uns sagen?

Ich erinnere mich an einen bestimmten Tag im August 2008. 2008 war ohnehin ein beschissenes Jahr im Großen und Ganzen. Ich bin jeden Tag von Würzburg nach Fürth zur Arbeit gependelt, musste um halb acht Uhr aus dem Haus und war um halb zehn wieder daheim. Privatleben war quasi nicht vorhanden, und ich möchte an dieser Stelle ganz lieb meine Ex-Freundin grüßen, bei der es mir ein Rätsel ist, warum sie mich nicht schon damals vor die Tür gesetzt hat.

Jedenfalls, da war dieser Tag im August 2008. Für irgendeine Leser-Aktion wurde ein Foto von mir angefertigt. Es geht um dieses Meisterwerk der Fotokunst:

Als ich dieses Bild auf den Tisch bekommen hatte, war es so, als wenn die Posaunen von Jericho in meinem Kopf ertönten und ich mir ausmalte, wie ich (nackt natürlich, von Millionen Augen beobachtet in meiner ganzen damaligen Pracht), vor den Herrn trete, und er ansetzt, mich zu fragen, was ich denn so alles in meinem Leben bereue und ich ebenfalls ansetze, ihm zu sagen, dass mir auf Teufel komm raus (wäre das nicht lustig, mit einem diabolischen Vergleich im Angesicht des Herrn zu kommen) nichts Dramatisches einfiele, er dann aber sagt: „Ach komm, wir lassen das, der ist mir zu fett. Aus den Augen!“, und ich von Dannen trotte, dem ewigen Fegefeuer entgegen, und der Herr mir hinterher blickt, sagt und spricht: „Boah, schafft endlich diesen Schwabbelarsch hier weg! Ich halte es ja nicht mehr aus“, mir Engel mit Harfenseiten in den Hintern pieksen, während die neunzehn Wächter der Hölle sich vor dem Tor zum Fegefeuer aufbauen und mir entgegnen: „Nein, wir wollen Dich hier auch nicht haben, der Aufzug trägt Dich leider nicht“ und ich mich frage, ob ich auf ewig in der Zwischenwelt bleiben müsse, da man hier ja nicht essen muss – und somit auch nicht abnehmen kann. Wer einen oder mehrere Tempus-Fehler in dem Satz findet, darf sie behalten.

Mit anderen Worten: Ich erschrak vor mir selbst. Ich war nie ein Hungerhaken, aber immer recht sportlich. Doch irgendwann Mitte 20 hatte ich die Kontrolle verloren. Auch an dieser Stelle einen lieben Gruß an die Ex-Freundin, die das irgendwie ertragen hatte. Ich machte keinen Sport mehr, aß und trank viel zu gut und sammelte in meiner Freizeit Kilos wie andere Pokémon-Kärtchen. Ich duzte die Mitarbeiter des McDonald’s in Geiselwind. Ich bin 1,76 Meter groß und hatte im August 2008 einen BMI von 42. Sprich, ich wog 130 Kilogramm, mein absolutes Spitzengewicht.

Die Dicken wissen, wie das ist. Du schwitzt wie ein Schwein, die Hose reibt unangenehm an deinen viel zu fetten Schenkeln, Du musst teuflisch aufpassen, dass du nicht anfängst zu stinken. Du bist sofort außer Atem, wenn es mal um Anstrengungen geht. Deine Schienbeine und Knie tun dir weh. Gar nicht erst anfangen will ich damit, wie Liebe machen war für so ein Schwergewicht wie mich. Dieser extra Nervenkitzel, dass man die Person seiner Begierde im Eifer des Gefechts nicht versehentlich plattwalzt wie ein Elefant eine Spinne im Gras, ist jetzt auch nicht gerade stimulierend.

An diesem Tag legte ich fest, dass sich dringend was ändern musste. Jetzt ist es fast vier Jahre später, wir schreiben Mai 2012. Diese Woche habe ich die 100-Kilo-Marke geknackt. Ich habe also in den vergangenen vier Jahren 30 Kilo verloren, habe Muskeln auf- und Fett abgebaut. Ich war schon mal vor zwei Jahren bei 105 Kilo, aber das Abnehmen an und für sich funktioniert nicht linear, zumindest nicht für mich. Es ist ein ständiges Auf-und-ab, ein Kampf, mein Kampf. Es ist eine Zeit, die Kraft kostet, aber viel Kraft gibt. Und eine Zeit, die mir beigebracht hat, dass du sämtliche Diäten in die Tonne kloppen kannst. Meine „Tour de fett“ werde ich anderweitig beschreiben, sonst wird das alles wieder zu episch. Oder ich mach’s wie diese ganzen Abzocker und bringe das Ganze als „Buch“ heraus, als PDF-Dokument, wo Du für 65 Euro meine Methode herausfinden kannst, zahlbar auch über PayPal. Oder auch nicht.

Ich möchte hier nur noch kurz darauf eingehen, wie sehr es sich für mich gelohnt hat, es durchzuziehen. Dieses Foto ist von heute (ich bin unfrisiert und gerade aus dem Bett gesprungen, aber scheiß doch drauf, es ist Sonntag!)

Dank mehr oder weniger regelmäßigem Sport hat sich meine komplette Körperhaltung verändert. Es dauert lange, bis ich außer Atem komme. Es sind wieder Gesichtszüge zu erkennen. Ich fühle mich kräftiger, motivierter, einfach insgesamt fitter. Ich kann wieder in einem Club tanzen, ohne Angst haben zu müssen, mit einer falschen Bewegung die komplette Tanzfläche leerzuräumen. Mein Selbstbewusstsein hat sich dramatisch gesteigert. Ich bin leistungsfähiger. Und, das wichtigste: Ich habe keine Manboobs – yay! Und was ich mit diesem Blog will ist nicht, hier verbal auf meinen großen Erfolg zu masturbieren – ich möchte mir Mut machen, es weiter durchzuziehen. Ich bin fast am Ziel – die letzten Meter pack ich jetzt auch noch. Tschakka!

Hat Bernard Madoff in seiner Freizeit Ego-Shooter gespielt?

Das Mädchen starrt konzentriert in den Fernseher, ein Speichelfaden seilt sich an ihrem Mundwinkel herab. Auf der Mattscheibe des dreißig Jahre alten Saba-Fernsehers strahlt eine N24-Doku über Hitlers geheimen Okkult-Killer Göring. Die schlimmen Szenen werden durch Texttafeln ersetzt. Das Bücherregal im Hintergrund ist verstaubt, durch die Glasscheibe erkennt man das Neue Testament, Janosch und Bussi Bär. An der Wand hängt ein eingerissenes Poster von Rolf Zuckowski. Das Mädchen wippt vor und zurück. „Das ist ein Nebeneffekt, man kann ja hier schon von einer Art von Hospitalismus sprechen“, klärt Carsten Eifer auf, als er die fragenden Blicke der anwesenden Journalisten bemerkt. „Das nehmen wir bei unserer Arbeit aber gerne in Kauf.“

Ich weiß nicht, wie das Kind heißt, an der Tür steht lediglich eine Nummer: 13. Es ist vielleicht zwölf Jahre alt,  Alter und Namen will Professor Eifer aus Datenschutzgründen nicht verraten. Wir befinden uns auf Station zwei im Adolf-Sellmann-Institut für angewandte Bewahrpädagogik in Bielefeld. Carsten Eifer ist 53, Professor und Leiter der weitgehend unbekannten Einrichtung. „Wir werden behandelt wie ein schmutziges Geheimnis“, redet sich Eifer bei der Begrüßung mit Champagner und Schnittchen gleich in Rage und hebt wichtig den Zeigefinger: „Dabei ist unsere Arbeit essentiell.“

Bei den Fragen nach den Geldgebern für das außerhalb der eher kargen Krankenzimmer modern eingerichtete Gebäude gibt sich Eifer weniger forsch. „Wir werden zum Teil aus staatlichen Mitteln, aber auch von Privatunternehmen finanziert – Sie wissen ja, wie das ist.“ Das aufmunternde Lächeln der Journalisten macht ihn dann doch etwas übermütig. „Einer unserer Geldgeber ist ein bekannter Unternehmer, der mit unserem ehemaligen Bundespräsident verbandelt war, aber das kommt ja eh irgendwann raus, nicht wahr? Und der andere ist ein hochrangiger Politiker aus Russland“, sagt er und lacht laut auf. „Schreiben Sie das aber lieber nicht, sonst bekomme ich Ärger.“ Der Champagner schmeckt abgestanden, die Schnittchen sind versalzen.

Das Institut, in dem das Mädchen und neunzehn andere Kinder rund um die Uhr betreut werden, ist riesig und verzweigt. „Auch wenn es nicht so aussieht, wir sind Schutzengel“, sagt Eifer. „Wäre Breivik hier bei uns gewesen, wäre Norwegen nicht passiert.“

„Zigarre?“, fragt Eifer. Ich lehne dankend ab.

Kultmedien: Professor Eifer, Ihr Institut soll Kinder in einer Art Experiment vor den Einflüssen der so genannten neuen Medien schützen. Können Sie Ihre Bewahrpädagogik zusammenfassen?

Eifer: Das Wort Experiment klingt so nach Frankenstein. Wir halten hier niemanden gegen seinen Willen fest. Die Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigten dieser Kinder sind natürlich informiert …

Kultmedien: Woher kommen die Kinder? Aus gewöhnlichen Mittelklasse-Familien?

Eifer: Teils, teils. Natürlich arbeiten wir viel mit Waisenhäusern zusammen. Das ist natürlich auch bürokratisch etwas einfacher zu managen. Aber auch Hartz-IV-Empfänger sind dankbar, wir nehmen ja eine finanzielle Last auf uns. Aber lassen Sie mich zurückkommen auf unsere Art der Pädagogik. Sehen Sie, wir greifen hier ja nicht nach Luft.

Kultmedien: Von außen sieht es aus, als ob Sie die Kinder in karge Räume einsperren, ihnen historische Filme zeigen und speziell redigierte Bücher …

Eifer: Bitte lassen Sie diese Gefängnismetaphern! Wir sperren eher die Welt außen ein und lassen dem Kind die volle Freiheit, sich ohne Einflüsse zu entfalten, die wir als schlecht definieren.

Kultmedien: Definieren Sie schlechte Einflüsse.

Eifer: Es ist doch vollkommen offensichtlich, dafür müssen Sie nicht Medizin oder Psychologie studieren. Schauen Sie, egal bei welchem Amoklauf, egal bei welcher Straftat: Die meisten Jugendlichen spielten Killerspiele oder tobten sich in sozialen Netzwerken aus. Breivik übte sogar anhand dieser Spiele, bei denen man ja sogar die Islamisierung Europas zurückschlagen muss.

Kultmedien: Der Vergleich war Unsinn, das hat selbst der Moderator zugegeben, der ihn gezogen hat.

Eifer: Na, dann ist es eine Analogie darauf. Neulich las ich, dass bei einem öffentlich geförderten Preis ein Killerspiel prämiert wurde. Das ist doch absurd. Oder nehmen Sie Facebook! Haben Sie von dieser Party gehört, die dieses arme Mädchen versehentlich organisierte? Und wie Kinder gemobbt werden! Unglaublich, das treibt ja auch viele in den Selbstmord.

Kultmedien: Fast eine Milliarde Menschen nutzen Facebook. Millionen Menschen spielen Computerspiele. Unbeschadet. Ich habe mit 15 Jahren das damals als gefährlich titulierte Doom gespielt. Ich sehe keine Veranlassung zum Amoklauf. Und Kinder sind halt fies zueinander, das mündet aber nur in Extremfällen in Selbstmord …

Eifer: Es ist doch auch ein politisches Problem. Schauen Sie sich die Unruhen in Ägypten an. Oder die so genannten Flashmobs. Schauen Sie sich die Ergebnisse an, die daraus resultieren, wie etwa die Piraten: Ein inhaltslose Partei, welche erreichen will, dass Künstler mittellos werden, damit sie alles kostenlos aus dem Internet laden können? Stört Sie das als Journalist nicht?

Kultmedien: Naja, ich bin da unentschlossen. Ich finde es ja eher klasse, dass eine neue, politische aber nicht extremistische Kraft den eingefahren Politikbetrieb durcheinander wirbelt …

Eifer: Sehen Sie! Sie sind geschädigt! Sie kritisieren gleich das System, dass sich seit Jahrzehnten bewährt hat. Das ist alles ein Produkt des sozial-digitalen Zeitalters. Killerspiele, neue Medien – sie pflanzen Ideen, die nicht konstruktiv, sondern destruktiv sind. Sie zerstören die Ordnung, die sich nach dem zweiten Weltkrieg, nach diesem furchtbaren Hitler, wieder eingependelt hat.

Kultmedien: Aber denken Sie nicht, dass Sie durch ihre installierten Filter in Hitlers Fußstapfen treten? Sie verhindern doch, dass diese Kinder jegliche Medienkompetenz entwickeln.

Eifer: Breivik! Breivik war liberal aufgewachsen. Oder dieser Erfurt-Killer. Wir müssen vorgeben, was gut und was schlecht ist.

Kultmedien:  Lassen Sie Breivik und Konsorten weg. Breivik oder der Erfurt-Killer waren Extreme. Ich lasse mir ja einreden, dass das Spielen gewalthaltiger Spiele vielleicht eine gewisse Entwicklung begünstigt hat. Aber diese Entwicklung war vorher da. Spiele sind Alltagsgut, jeder in der jungen Generation kennt sie, wie Fernsehen und Bücher. Man konsumiert sie so alltäglich, wie man draußen Fußball spielt, Fernsehen guckt oder Wasser trinkt.

Eifer: Sie sind geschädigt! Sie können nicht mehr zwischen guten und schlechten Medien unterscheiden, Ihr Gehirn hat sich anders entwickelt. Fragen Sie Christian Pfeiffer. Fragen Sie nach Jugendgewalt. Fragen Sie nach Statistiken!

Kultmedien: Hat Bernard Madoff in seiner Freizeit Ego-Shooter gespielt?

Eifer: Auf diesem Niveau unterhalte ich mich nicht mit ihnen. Fragen Sie mich was Substanzielles!

Kultmedien: Wer bestimmt, was die Kinder hier zu sehen bekommen?

Eifer: Das macht ein Gremium, dem ich vorsitze. Außerdem halten wir uns den Plan der Kultusministerien. Wir betreiben hier aktive, verantwortungsvolle Pädagogik.

Kultmedien: Pädagogik ist für Sie schulische Erziehung?

Eifer: Ja, natürlich! Was sollte sie sonst sein?

Kultmedien: Naja, ich verstehe unter Pädagogik immer etwas Individuelles, Personalisiertes. Ich weiß nicht, ob die Schule erziehen sollte. Sie sollte Inhalte und Bildung vermitteln, bei der Sozialisierung helfen, die Kinder intellektuell aber nicht in eine bestimmte Richtung drängen. Lehrer sind für mich nicht unbedingt Pädagogen.

Eifer: Was?

Kultmedien: Naja, weil es eben Leute wie sie gibt, die entscheiden, was gut und richtig ist. Und wer sagt, dass das, was Sie entscheiden, gut und richtig ist?

Eifer: Sie drehen ja völlig am Rad jetzt. Wie soll denn die Gesellschaft funktionieren, wenn wir nicht vorgeben, in welche Richtung man zu denken hätte?

Kultmedien: Bei Hitler dachte man auch, dass das, was in der Hitlerjugend vermittelt wurde, gut und richtig ist.

Eifer: Sie mit Ihrem Hitler! Sie sind ja schlimmer als der Zentralrat der Juden!

Kultmedien: Das fände ich im Übrigen spannender als ihr Experiment. Wie sich die Gesellschaft entwickeln würde, wenn Kinder vollkommen frei entscheiden dürften. Wer sagt überhaupt, dass der Zustand des Erwachsenenseins derjenige ist, der den Ton vorgeben sollte?

Eifer: Sie sind irre mit ihrer Kindergartenphilosophie! Mir geht es hier um schlechte Einflüsse aus Medien! Unsere Kinder sind unschuldig, und sie müssen auch so aufwachsen. Sie brauchen mit neun Jahren nicht zu verstehen, woher die Kinder kommen und warum die Banane krumm ist! Sie sollen Lesen lernen, und Rechnen. Sie sollen gerüstet sein und als gute Bürger der Gesellschaft dienen. Nur so funktioniert das System. Stellen Sie sich vor, jemand würde alles infrage stellen …

Kultmedien: Ja, stellen Sie sich das mal vor. Stellen Sie sich vor, dass die Gründe für soziale Verhaltensauffälligkeiten, die nicht in den Gesellschaftskonsens passen, nicht einfach nur verlagert werden auf einfache Ziele wie neue Medien oder Computerspiele. Stellen Sie sich vor, man würde einfach mal die Bremse ins dauerende Wachstumsstreben hauen, innehalten und verdammt noch mal analysieren, wo wir uns jetzt befinden und was alles falsch läuft in einer Gesellschaft, wo die einen im Überfluss leben und die anderen in der Pappschachtel. Stellen Sie sich vor, man würde alles daran setzen, dass …

Eifer: Dieses Gespräch ist beendet. Mit Kommunisten unterhalte ich mich nicht.

Kultmedien: Wie meinen?

Eifer: Sie sind eine linke Zecke, das habe ich bereits bemerkt, als ich ihre langen Haare gesehen habe!

Kultmedien: Aber ich meine das doch gar nicht aus einer bestimmten politischen Richtung. Das ist doch eine Gesamtbetrachtung, „Kindergartenphilosophie“ halt, wie Sie es nennen.

Eifer: Sie können mich mal! Spielen Sie weitere Ihre albernen Spiele und spinnen Sie rum. Was Sie wollen, würde die Welt aus den Angeln heben! Sie gehören zu diesen kreativen Idioten, die, wenn es hart auf hart kommt, als erste an die Wand gestellt werden, weil Sie der Gesellschaft einen Scheiß nützen. Dann kommt es nämlich darauf an, gut funktionierende Mitbürger zu haben, die sich kümmern, die zupacken können!

Kultmedien: Sie verhindern durch Ihre Bewahrpädagogik Ideen. Ideen bringen die Menschheit voran. Sie müssen jeden Tag aufstehen mit dem Gefühl: „Was können wir besser machen“ und nicht mit dem Gefühl „Wie können wir Altes bewahren“. Information und Interpretation in Medien und Kultur bringen die Menschen zum Nachdenken, machen sie kreativer für Problemlösungen, Austausche auf sozialen Medien schaffen gegenseitiges Interesse.

Eifer: Und was ist mit den Amok-Toten, den Selbstmorden?

Kultmedien: Was ist mit den Toten in den Afrika-Bürgerkriegen? Mit den Alkohol- und Drogentoten, die keine Perspektive mehr im Leben sehen, weil sie von der Gesellschaft fallengelassen wurden und keine Kontakte knüpfen können?

Eifer: Raus hier!

Kultmedien: Sie sperren tatsächlich die Welt ein.

Eifer: Sie stecken doch selber im System fest! Ich sehe ein iPhone, Sie haben ein Auto.

Kultmedien: Ja, ich bin selber Teil des Systems. Wie Sie. Aber ich lasse mir nicht meine Ideen verbieten.

Eifer: Gehen Sie. Ich behüte, Sie labern nur dumm daher.

Kultmedien: Das ist besser, als das, was Sie hier tun.

Eifer: Ha!

„Sie heißt übrigens Cora“, flüstert mir eine Schwester zu, als ich zum Ausgang gehe. „Sie malt wahnsinnig gerne, aber die Stifte gibt es nur am Freitag.“ Bevor ich nachhaken kann, verschwindet sie im Labyrinth aus Korridoren.

(Text, Gespräch und Institut sind frei erfunden)

Hat ja lange gehalten …

… das Vorhaben, hier einigermaßen regelmäßig zu bloggen. Aber das Leben ist ein geschäftiges, nicht wahr? Ich hoffe, demnächst mal wieder Zeit zu finden, und mindestens ein episches Thema habe ich auch schon im Kopf geschrieben – ich muss es nur zur Tastatur bringen, mit letzter Tinte und allem. Ich stay mal tuned. Tu das auch, freundlicher Besucher, und folge mir derweil auf Twitter oder so!

Mit Bomber und Tierchen nach Amerika – die Geschichte meiner Band Prologue

Musikhören ist meine größte Leidenschaft. Müsste ich mich zwischen Augen oder Ohren entscheiden, ich würde die Ohren nehmen. Meine zweitgrößte Leidenschaft ist das Musikmachen. Nichts ist mit dem Gefühl zu vergleichen, auf einer Bühne zu stehen, einfach du selbst zu sein und zu beobachten, wie Leute im Publikum Spaß an deinem Schaffen haben. Es heißt, das sei besser als Sex – das ist es zwar nicht, aber es kommt schon verdammt nah dran.

Das letzte Mal ist zwölf Jahre her. Dass ich auf einer Bühne stand. Das letzte Mal Sex … ich schweife ab. Jedenfalls war die erfüllteste Zeit, die ich mit meinem Hobby Musikmachen verbrachte, meine Zeit mit der Band Prologue. Prologue, das waren Schlagzeuger Daniel “Büxe”, Sänger Björn “Knallti”, Rhythmusgitarrist Bastian und Leadgitarrist Eike. Ich mischte als Tastenmann mit. Daneben hatten wir im Verlauf unserer rund zweieinhalbjährigen Karriere zwei Bassisten, zunächst Carsten, später dann Martin. Die Beziehung Bassisten und Prologue – bei Facebook würde man wohl „es ist kompliziert“ wählen, um sie zu beschreiben.

Prologue gingen aus dem Zusammenschluss zweier Bands hervor. Carstens und meine Vorgängerband Junior‘s Problems brach wegen nicht zu überwindenden Differenzen mit dem Sänger (Oh! the drama) auseinander, während Low-Brow ihrerseits Stress mit dem Basser hatten. Also stieg Carsten bei Low-Brow ein und brachte mich gleich mit. Das durfte er dank Überzeugungsarbeit meines besten Freundes Eike, denn eigentlich hatten Büxe, Knallti und Bastian zunächst gar keinen Bock auf „so ‘nen schwulen Keyboarder“. Ich eigentlich auch nicht, ich spielte schon damals viel lieber Gitarre.

Aber da ich an den Tasten damals wie heute technisch einfach versierter bin und außerdem tierisch Lust aufs Musikmachen hatte, stieg ich ein. Und es passte wie Arsch auf Eimer. Wir waren menschlich nicht unbedingt auf einer Wellenlänge, hatten aber alle die gleiche Art von Dachschaden. Diese Anfangsphase war unser kreativer Höhepunkt. Wir schrieben in Rekordzeit die ersten Songs, jedes Bandmitglied trug sein Scherflein dazu bei – unsere Lieder waren eine echte Koproduktion. Das Ergebnis unserer Bemühungen hörte sich nach einer Mischung aus Progressive Metal, zentnerschwerem Rock, Punk und Gothic an. Wir kopierten nicht, legten keine Konventionen fest, wie unsere Musik klingen sollte und hatten deswegen unseren eigenen Sound. Knallti schrieb die Texte, und sie waren auf Deutsch, was damals eher ungewöhnlich war. Einige davon waren völlig Banane, andere poetisch, die meisten habe ich bis heute nicht verstanden.  Ich weiß nicht mehr, ob er oder ich es war, der unsere Philosophie auf den Punkt brachte: „Wir sind Punks, geben das aber nicht zu.“

Wir verfolgten die Sache mit Hingabe und probten drei Mal die Woche, Mittwochabend, Freitagabend und Samstagabend, sehr zum Leidwesen der Freundinnen einiger Bandmitglieder. Der Proberaum war unser Tempel – er befand sich im Keller unseres Drummers, direkt unter einem Sonnenstudio. An der Wand klebten schmutzige Eierkartons. Der Boden war mit leeren Flaschen, Essenspackungen von der Pommesbude und Kippen übersät. Wir rauchten damals alle wie die Schornsteine. Bis auf Knallti, der lediglich passiv mitqualmte. Wie er bei dieser Luft auch nur einen Ton herausbrachte, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Ebenfalls, wie Büxes Vater uns dort unten so lange erduldete, nachdem die Sonnenstudio-Betreiber mehrfach bei ihm vorstellig wurden, da sich die dort einkehrenden Toastbrote regelmäßig darüber beschwerten, dass unser Sound sie aus ihren Liegen blasen würde.

Gemeinsam mit einem befreundeten, heute verstorbenen Musiker als Producer-Ersatz nahmen wir unser erstes Demo auf: „28/43“. Die Scheibe bestand aus vier Songs und zwei Instrumentals. Wir hatten uns dafür einige Tage lang einen riesigen Festplattenrekorder geliehen, um mehrspurig aufnehmen zu können. Nach heutigen Maßstäben klingt das Ergebnis furchtbar, wir fanden es damals aber ganz okay. Heutzutage wissen Bands gar nicht, wie gut sie es haben – zwar gab es auch damals schon Software, aber alles war viel komplizierter und teurer. Heute kann eine Band im Wohnzimmer ein Album aufnehmen und hat alle Zeit der Welt dabei – wir freuten uns über unseren für zwei Tage geliehenen, umständlich zu bedienenden, beschissenen Festplattenrekorder wie kleine Kinder.

Kurz nach den Aufnahmen trennten wir uns von Bassist Carsten. Wir fanden damals, dass Carsten uns in unserer musikalischen Entwicklung bremste. Das gipfelte in einer Nacht- und Nebelaktion, bei der wir Carstens Bassspuren von unserem ersten Demo gelöscht und komplett neu eingespielt haben, weil wir mit den Bassspuren total unzufrieden waren. Selbst Drummer Büxe, Sänger Knallti und ich griffen zum Bass und spielten Teile von Carstens Parts neu ein. Jeder machte sich sozusagen die Hände schmutzig. Und zum Dank dafür, dass er uns nicht sofort verließ oder gar versuchte, uns die Fresse wegen dieser Dreistigkeit zu polieren, als er davon erfuhr, schmissen wir ihn aus der Band. Wir waren ganz schöne Arschlöcher. Sicher, Carsten war kein Top-Bassist, er wäre der erste, der das zugeben würde.  Aber wir waren zum einen ebenfalls alles andere als Koryphäen an unseren Instrumenten, zum anderen unglaublich arrogant und hielten uns damals für eine der besten Bands im Kreis. Okay, das waren wir vermutlich auch. Wir hatten deswegen viel vor. Da insbesondere Eike und ich mit Carsten befreundet waren, war dieser Schritt trotzdem alles andere als angenehm.

Unser Neuzugang Martin am Bass war zwar ungefähr 15 Jahre älter als wir und hatte ein riesiges, selbstgebasteltes, grün lackiertes Monster von einem Bass-Amp, der, nun, sehr eigenwillig klang. Er hatte es technisch aber deutlich mehr drauf als Carsten. Das Problem war nur, dass Martin eine etwas andere Vorstellung von guter Musik hatte als wir. „Lasst uns mal eine Ballade wie bei den Onkelz schreiben“, sagte Martin eines Tages. So sehr wir Martin menschlich mochten – musikalisch hat er nie begriffen, was Prologue ausmachte. Mit den Onkelz hatten wir ungefähr so viel zu tun wie Ian Gillan mit Ritchie Blackmore heutzutage. Dennoch: Nach Carstens Rauswurf standen die Zeichen gut. Wir schrieben neue, komplexere Songs (viel zu komplexe Songs, die meisten unserer Lieder würde ich heute um 30 bis 40 Prozent kürzen und viele Parts einfach streichen), und absolvierten weiter Auftritte.

Am besten in Erinnerung geblieben ist mir der Gig bei der Vorentscheidung für das Burgrock-Festival im Sauerland. Ich weiß nicht mehr, ob Carsten oder Martin am Bass dabei war. Drei lokale Bands hatten die Chance, auf dem Festival als Vorbands aufzutreten und mussten sich einen Contest um die Gunst des Publikums mit einer Handvoll anderer Bands liefern. Vor Konzertbeginn wurde die Reihenfolge der Auftritte ausgelost. Knallti, die Knallbirne, griff betont cool und lässig als erster in die Lostrommel. Als wolle er sagen: „Seht her, ich habe keinen Schiss, ihr Feiglinge!“

Knallti zog natürlich den Zettel mit Startposition eins aus der Trommel.

Was bedeutete, dass wir vor einem leeren Haus als erste Band starten mussten. Selbst heute noch könnte ich Knallti dafür eine knallen, obwohl er ja gar nix dafür konnte. Wir verabschiedeten uns jedenfalls gedanklich vom Burgrock-Festival und fingen an, unsere elf Verzehrmarken pro Kopf in Bier und Jägermeister umzutauschen. Ich spielte bei zwei Gelegenheiten betrunken einen Gig, und diese war eine davon. Besoffen aufzutreten hat seine Vorteile. Du hast keine Hemmungen, zockst deine Parts runter und hältst dich für den Größten. Das Problem ist aber, dass du selber nicht beurteilen kannst, ob es auch wirklich das Größte ist, was du spielst und nicht einfach nur kompletter Bullshit. Die zirka zwanzig Nasen, die uns gehört haben, fanden es trotzdem unterhaltsam und machten bei den später eintreffenden Gästen sogar noch Werbung für uns.

Fünf Stunden später torkelte ich auf die Bühne zu. Die große Entscheidung sollte verkündet werden. Im Hintergrund lief AC/DC, im Vordergrund macht Eike gerade mitten auf der Bühne den berühmten Tanz von AC/DC-Gitarrist Angus Young nach, er hüpfte also auf einem Bein und spielte Luftgitarre. Die Musik stoppte, ein Scherge der Festivalleitung betrat die Bühne, Eike tanzte weiter und merkte nix, ich brüllte: „Ey, Eike, do, komma gezz hier“, Eike drehte sich um, sah den Schergen, merkte, dass die Musik inzwischen zu Ende war, rief: „Oh“, verlor das Gleichgewicht und stürzte krachend von der Bühne.

Die anderen Bands ignorierten das zum Schreien komische Spektakel und schauten zitternd auf den Obermotz auf der Bühne, voller Hoffnung, zu den ersten drei Gruppen zu gehören, die aufs Festival fahren durften. Während wir nur brüllend lachten und uns wie die Axt im Walde benahmen. Rock’n’Roll pur, alles scheißegal, Baby! Wie man mir hinterher erzählte, waren wir auf Platz vier gelandet. Wir erinnern uns: Die ersten drei Bands durften aufs Festival. Angesichts der Umstände war das also eine respektable Leistung von uns. Daher dachten wir gar nicht ans Aufgeben nach diesem herben Rückschlag. Wir verschanzten uns im Proberaum und begannen mit den Arbeiten an neuen Songs. Und dann kam Hermi.

Hermi sah aus wie eine dicke und jüngere Version von Käpt’n iglo. Er hatte einen gewaltigen roten Bart, rote Haare und war der Chef der örtlichen Rockerkneipe. Hermi war ein miserabler Wirt, aber ein begnadeter Geschichtenerzähler. Ohne mit der Wimper zu zucken erzählte er Storys davon, wie er bei der Fremdenlegion anheuerte und wie er mit seinem zwei dort kennengelernten Freunden Bomber und Tierchen die halbe Welt unsicher gemacht hatte. Außerdem konnten wir bei Hermi auf Deckel trinken. Häufig brachte er die Deckel durcheinander oder verlor sie, und kassierte am Ende des Monats höchstens einen feuchten Händedruck. Obwohl wir alle schon zu dieser Zeit heimlich vermuteten, dass der überwiegende Teil von Hermis Erlebnissen seiner blühenden Fantasie entsprungen war, hatte er ein Gespür dafür, andere Menschen mitzureißen. Und so kamen Prologue zu ihrem ersten und einzigen Manager. Hermi versprach, über seine zahlreiche Kontakte eine Tour zu organisieren, die uns sogar nach Amerika führen sollte. „Unter einer Flasche Tequila am Abend kommt man da nicht aus den Clubs raus, das weiß ich von damals, als ich mit Bomber und Tierchen unterwegs war“, so etwa machte Hermi uns die Sache schmackhaft.

Zunächst tat Hermi uns gut. Wir waren ein Haufen kreativer Chaoten, die nichts mehr brauchten als jemanden, der uns regelmäßig in den Arsch trat und uns steuerte. Tatsächlich probten wir unter seinen Fittichen fokussierter und regelmäßiger. Er beriet uns auch in Sachen Stil. So sollte sich Eike zum Beispiel einen Bart wachsen lassen, und mein Holzfällerhemd sah aus „wie von Mutti“ (was es war), das würde ja gar nicht gehen. Hermi organisierte auch ein größeres Konzert mit etwas bekannteren Bands aus der Umgebung und fuhr mit uns auf Gigs, um uns zu zeigen, wie es die Profis so machen. Wir nahmen an zwei Tagen unser neues Demo auf. Das gemischte Endergebnis klang im Vergleich zum ersten schon nicht toll produzierten Demo absolut schrecklich, was ein Jammer ist, da es deutlich bessere Songs waren. Aber egal, schließlich sollten wir ja in Amerika auf Tour gehen.

Bald kamen Gerüchte auf, dass sich in Hermis Briefkasten Briefe von Inkassounternehmen stapelten. Woran offensichtlich auch was dran war, denn die Stadtwerke stellten Hermi eines Tages den Strom ab. Kurz darauf machte er sich aus dem Staub. Man erzählte sich, dass er angeblich einigen schweren Jungs eine Menge Geld schuldete. Keine Ahnung, was davon genau stimmte. Jedenfalls war unser Manager plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Immerhin nicht mit unserer Kohle, denn die Bandkasse verwaltete Knallti. Mit in Spitzenzeiten 200 Euro wäre er allerdings nicht weit gekommen.

Was blieb, waren schlechte Einflüsse, die mit Hermi & Kollegen in unsere Band gekommen waren. Dinge, die uns davon abhielten, uns auf die Musik zu konzentrieren, die immer mehr zum Nebenschauplatz degradiert wurde. Das Interesse flachte ab, die Probetermine platzten immer häufiger. Einige von uns sahen es nicht mehr ein, so viel Zeit in eine Band zu investieren, die ohne klares Ziel vor sich hin torkelte, wo nicht mehr alle an einem Strang zogen. Es gab schließlich auch ein Leben nebenher, oder eine Freundin, die nicht den kompletten Samstagnachmittag auf den Freund verzichten möchte – und er nicht auf sie. Wir legten die Band auf Eis, nur um einige Monate später wieder – ohne Bassisten diesmal – zusammenzufinden. Wir arbeiteten an neuen Songs, doch der vorher so starke Drive fehlte. Wir waren nicht mehr mit dem Herzen dabei. Dann schlug eine weitere große Keule mit voller Wucht zu, nämlich das Studien- und Berufsleben, das uns immer mehr Zeit kostete. Prologue lösten sich offiziell nie auf. Aber im Frühjahr 2000 waren wir das letzte Mal alle zusammen auf einem Fleck.

Ich glaube auch heute noch, dass wir gewaltiges Potenzial hatten. Wir hatten einen riesigen Fundus an kreativer Energie, die aber nie von einem Steuermann in die richtigen Kanäle gelenkt wurde. Wir verstanden uns musikalisch, obwohl sich unsere Vorlieben in vielen Dingen unterschieden. Natürlich haben wir auch Mist verzapft, jede Menge sogar. Aber manchmal denke ich daran, wie es gewesen wären, wenn wir nicht diese riesige, rothaarige Luftblase namens Hermi, sondern einen kompetenten Typen getroffen hätten, der sich uns angenommen hätte. Einen echten Producer oder Manager halt. Aber das ist alles Schnee von gestern, geblieben sind mir ein Haufen positiver Erinnerungen, wofür ich Büxe, Knallti, Bastian, Carsten, Martin, Eike und auch Hermi nicht genug danken kann. Ich verbinde mit Prologue die lustigste und verrückteste Zeit meines Lebens. Es gibt Hunderte vollkommen absurder Anekdoten aus dieser Zeit, und fast alle davon kann ich hier leider nicht wiedergeben, ansonsten würden einige Leute bei mir vorbeikommen und mir völlig zu Recht die Hölle heiß machen.

Und damit endet die Geschichte meiner Band Prologue. Knallti, Basti und Büxe geht’s, soweit ich das aus der Ferne und durch sehr sporadische Kontakte beurteilen kann, bestens. Eike ist immer noch mein bester Freund, obwohl wir uns ebenfalls viel zu selten sehen, da wir an unterschiedlichen Orten Deutschlands wohnen. Ich mache auch heute noch Musik, aber für mich im stillen Kämmerlein. Ich tüftele derzeit mit einer Freundin an einem Bandkonzept – hoffentlich können wir das dieses Jahr endlich mal umsetzen. Eike und ich denken darüber nach, die alten Prologue-Songs von Grund auf zu überarbeiten und neu einzuspielen. Sie hätten es wirklich verdient. Hermi habe ich nie wieder getroffen. Bomber und Tierchen übrigens immer noch nicht. Vielleicht sind sie ja gemeinsam in Amerika unterwegs und ziehen sich allabendlich ne Flasche Tequila rein.

Der folgende Soundclip enthält ein paar Samples einiger unserer Songs. Beim Hören muss man unbedingt im Hinterkopf behalten, wie diese Aufnahmen zustande kamen: Wir hatten maximal zwei Tage Zeit für jeweils vier bis fünf Songs, was lächerlich wenig ist. Wir konnten teilweise noch nicht mal Spielfehler (von denen es jede Menge gibt) korrigieren, da wir nur jeweils einen Take zur Verfügung hatten.

Wir hatten keinen echten Producer und es gab auch kein gescheites Mastering – was den echt beschissenen Sound besonders der Songs vom zweiten Demo erklärt. Und diese vollkommen übertriebenen Hall-Effekte auf Knalltis Stimme gegen Ende sind einfach nur schrecklich. Ich wünsche dennoch viel Spaß beim Probehören des Prologue-Schaffenswerks. Ihr hättet uns mal live sehen sollen!

Außer Müdigkeit spürte ich nichts – ein Zeugnis

Als er seine Hand auf meine Stirn legt, fühle ich nichts. Ich würde doch so gerne. Warum scheinen alle anderen etwas zu fühlen, nur ich nicht? Warum durchfährt der „Holy Spirit“ mich nicht? Es ist 1994, ich bin in Recklinghausen beim Euro Teenager Congress inmitten einer Lobpreiszeremonie. Ich bin 15 Jahre alt. Ich bin unglücklich.

Ich wurde katholisch erzogen, wurde gefirmt, ich war Messdiener, ging bis zu meinem 15. Lebensjahr jeden Sonntag zur Kirche. An Gott glauben, das ist in meiner Familie immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Meine erste Berührung mit der christlich-charismatischen Bewegung muss Anfang der 90er-Jahre gewesen sein: Auf dem Schützenplatz in Lüdenscheid steht während der Kirmes ein gewisser Walter Heidenreich auf einer Bühne und predigt. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Ich habe Hunderte Predigten auf harten Kirchenbänken erdulden müssen, die ich selbst in meinem unreflektierten Alter als inhaltsleer empfand. Meist waren es sterbenslangweilige Analogien auf das jeweilige Evangelium, die von meiner Lebenspraxis so weit entfernt waren wie König Herodes von der Heiligsprechung.

Doch Heidenreich predigte anders, er predigte greifbar, stellte Bibelzitate in einen konkreten Zusammenhang mit Ereignissen, die ich aus meinem Leben kannte. Er verwendete Alltagssprache, er tobte, er riss die Anwesenden mit. Er fand klare Worte: Abtreibung sei „Mord im Mutterleib“, Drogen würden „dich kaputtmachen“, Jesus und der Heilige Geist seien die Antworten. Selbst mein streng katholischer Großvater zeigte sich von Heidenreichs Predigt beeindruckt. Er bediente sein wertekonservatives Selbstverständnis und fand einen so durchsetzungsfähigen Ton, dass jeder Stammtischbruder vor Neid erblassen würde. Außerdem mag es jeder, wenn einer mal auf Political Correctness verzichtet und klare Positionen bezieht.

Ich besuchte einige der Samstags-Gottesdienste der FCJG, der Freien Christlichen Jugendgemeinschaft in Lüdenscheid, der Heidenreich vorsteht. Auch der Gottesdienst lief völlig anders ab, als ich von der katholischen Zeremonie gewohnt war. Statt orgeldurchtränktem Wortgottesdienst, Wandlung und Schlusssegen gab’s fetzige, auf Englisch gesungene Musik mit Gitarre und Drums. Leute saßen nicht etwa andächtig beieinander und starrten missmutig ins Leere, sie waren involviert, sie streckten ihre Hände zum Himmel. Auf traditionelle liturgische Elemente verzichteten die Zeremonienmeister. Es waren viele junge Leute anwesend. Heidenreich predigte, die Menschen sangen. Sie streckten ihre Hände zum Himmel empor. Sie warteten darauf, dass der Heilige Geist sie besuchte.

Die Taube gilt als Sinnbild des Heiligen Geistes. Foto: Wikipedia / Andreas Trepte / CC-Lizenz 2.5

Der Heilige Geist ist in der charismatisch-christlichen Bewegung keine Metapher. Er ist real. Er kommt nach Ansicht der Pfingstler tatsächlich, wenn man Jesus sein Herz öffnet. Er durchfahre einen, man soll die Liebe Gottes spüren, in „Zungen reden“, wie es die Passage aus der Bibel beschreibt, als die Menschen plötzlich fremde Sprachen beherrschten. Er könne auch Krankheiten heilen, gar die Toten erwecken. Und er mache hemmungslos. Die Menschen zucken unter der Macht des Heiligen Geistes, sie schreien, weil ihnen Dämonen ausgetrieben werden, sie fallen reihenweise um.

Die Musik wurde gedämpfter, die Lobgesänge reduzierten sich zu einem Säuseln. Die Leute blickten mit geschlossenen Augen empor, einige weinten. Andere begannen, tatsächlich in fremden Sprachen zu reden, unter ihnen Heidenreich, dessen sanftes Kauderwelsch über die Lautsprecher übertragen wurde: „Schambala, schambala, schambala.“ Andere Menschen wiederrum begannen mit den Händen zu schütteln, wie jemand, der gerade unter einem epileptischen Anfall leidet. In meiner Reihe steht ein Bekannter meiner Eltern. Er schüttelt mit den Händen, seine Augen sind geschlossen.

Er stoppt, blickt auf seine Armbunduhr und fährt mit dem Schütteln fort.

Es ist ein großer Konsens über eine Massenselbsthypnose, dem ich beiwohne. Heidenreich geht durch die Reihen. Neben mir steht meine Mutter. Sie ist seit ihrer Kindheit gehbehindert und litt vor ihrer Operation vor einigen Jahren regelmäßig unter starken Schmerzen. Heidenreich näherte sich meiner Mutter, berührte dabei immer wieder Leute an der Stirn, die daraufhin nach hinten kippten.

Heidenreichs Vorbilder gibt es weltweit. In den USA sind es insbesondere Teleevangelisten. Der in Israel geborene Benny Hinn zum Beispiel hat eine Fernsehshow mit dem Titel „This Is Your Day“. In diesen Sendungen kann man sehen, wie Hinn Menschen durch die Macht des Heiligen Geistes reihenweise nur durch seine Berührung umwirft. Menschen erheben sich aus Rollstühlen, Taube können angeblich wieder hören. Der von einigen Anhängern als „Prophet“ verehrte Prediger Reinhard Bonnke füllte in Afrika riesige Stadien; selbst über eine Totenerweckung war bereits zu lesen.

Schwierig wird es nur, wenn man diese angeblich geheilten Leute finden möchte. In der Dokumentation „A Question of Miracles“ machen sich Reporter auf die Suche nach den von Hinn geheilten Personen – und fanden offenbar niemanden. Nicht ein einziger konkreter Fall war vor die Kamera zu bekommen. Hinns Sendung impliziert dagegen in jeder Episode Dutzende Heilungen. Seine Prophezeiungen traten nicht ein, Gott hat die Homosexualität in den 90er-Jahren nicht ausgelöscht. Seine Ehe war kein Bund fürs Leben, sie soll nach einer Affäre in Scherben liegen.

Sein Konto dürfte sich hingegen in einem gesegneten Zustand befinden. Männer wie Hinn oder Bonnke leben vor allem von Spenden. Es sind viele Millionen Dollar, die dabei zusammenkommen. Mit meinen Eltern war ich 1993 auf einer Veranstaltung von Benny Hinn in Köln. Hinns Delegation war auf Deutschlandbesuch. Es gab ein Vorprogramm mit einem Anheizer, dessen einzige Funktion darin bestand, einen Umschlag hochzuhalten und vom zehnten Teil zu sprechen, der Gott gehört. Die Umschläge wurden am Ende eingesammelt. Mein sonst sehr sparsamer Vater spendete 50 D-Mark. “Es kostet ja keinen Eintritt”, brummte er.

Als Benny Hinn auf die Bühne kommt, beginnen die Leute zu jubeln. Während der Heilige Geist durch die Halle weht, fängt ein Schlagzeuger an, den sakralen Keyboardteppichen einen Rhythmus zu geben. Benny Hinn sagt „No drums“, es klingt verärgert. Gerade ist er damit beschäftigt, den Heiligen Geist zu beschwören, da würde eine allzu flotte Musik wohl die meditative Atmosphäre stören.

Auf den oberen Rängen fängt ein Mann an zu schreien. Einer von Hinns Delegation rennt zu ihm und verschwindet mit ihm in den Gängen der Halle. „Es ist ein Dämon“, höre ich in der Reihe vor mir eine Frau sagen. Meine Klamotten sind verschwitzt – vorhin beim Eingang wurden wir fast erdrückt. Es war wie in einer Gruppe junger Mädchen vor einem Konzert der Gruppe Tokio Hotel. Außer Müdigkeit spüre ich nichts. Meine Mutter verlässt den Saal, sie ist nicht geheilt. Vielleicht hat sie nicht fest genug an Gott geglaubt. Ich hatte so gehofft, dass es funktioniert. Meiner Mutter ging es aber gar nicht um Heilung. Ihr ging es um spirituelle Kraft, um positive Emotionen. Das wusste ich aber nicht.

Zurück beim FCJG-Gottesdienst legt Heidenreich meiner Mutter die Hand auf die Stirn. Ich halte den Atem an. Meine Mutter bleibt stehen. Heidenreich geht weiter. Wir gehen nach Hause. Ich schreibe einen Artikel für das damalige FCJG-Jugendmagazin Champ, über das Computerspiel Doom. Ich sage, dass das Spiel durch sein Thema gefährlich für junge Menschen sein kann. Es sei dämonisch. Ich glaube kein Wort von dem, was ich schreibe. Doom ist mein Lieblingsspiel. Der Artikel wird veröffentlicht, es ist mein erster. Meine Eltern sind stolz.

Er taucht hoffentlich niemals wieder auf.

Ich treffe widerwillig eine Entscheidung. Alleine fahre ich zum Euro Teenager Congress nach Recklinghausen. Den Jugendkreis der FCJG wollte ich nicht mehr besuchen, als man mir erzählte, dass man sich dort die Freundin von Gott genehmigen lassen musste. Ich kenne niemanden richtig. Unglücklich sitze ich im Reisebus. Wir kommen an, ich baue mein Zelt auf. Ich bin der einzige, der keinen Zeltpartner hat. Alleine sitze ich im Speisesaal und esse Frikadellen. Die Hälfte meines Essens schmeiße ich weg. Ich will nach Hause.

Nach der Eröffnungsveranstaltung werden wir von Heidenreich in unsere Zelte geschickt, zum Lobpreisen. Ich hocke mit einem ebenso verunsicherten und einsamen Jungen in meinem Zelt. Ich danke Gott und der Leitung für diesen wunderbaren Kongress. Immerhin in dieser Reihenfolge. Ich danke ihm dafür, dass ich da sein kann.

Gott antwortet nicht. Am nächsten Tag macht die Nachricht die Runde, dass ein Kind verunglückt ist. Ein Mann wäre ihm beim Ausparken über den Kopf gefahren. Es sähe nicht gut aus, und wir sollen alle beten. Wir erheben unsere Stimmen zum Himmel. Mit Hunderten anderen sage ich: „Gott, bitte heile dieses Kind.“ Ich fühle mich unwohl. Stunden später vermeldet Heidenreich von der Bühne: „Das Kind ist geheilt.“ Jubel bricht aus. Ich juble mit.

Später stehe ich in einem Nebenzelt. „Gebt Euer Herz jetzt Jesus und Gott Vater“, sagt der Mann auf der Bühne. Die Musik ist gut. Ich bin bereit. Ich habe heute eine Heilung erlebt. Ich öffne mein Herz, ich lade Jesus ein. Ein Mann bemerkt mich, legt mir die Hand auf die Stirn, betet für mich. „Wo bleibst du, Heiliger Geist?“, frage ich mich. Mir wird etwas schwindelig, aber sonst geschieht nichts. Mein angeblicher Vater im Himmel antwortet mir nicht.

17 Jahre später kommt mir das alles sehr unwirklich vor. Je mehr ich über die Wissenschaft erfahre, umso unwahrscheinlicher wird Gott, desto weiter entferne ich mich von meinen spirituellen Wurzeln. Wer katholisch erzogen wurde, wird ihn dennoch nie ganz los. Keine Chance. Das Schuldgefühl, die Angst, in die Hölle zu kommen, ist so fest verwurzelt, dass selbst eingefleischte Atheisten gelegentlich ein ungutes Gefühl durchzuckt. Aber wenn es ihn doch gibt, dann hoffe ich, dass er ganz anders ist als der Gott, den Heidenreich, Bonnke und Hinn zur damaligen Zeit beschwörten.

Kein Gott mit bestimmten Kontonummern. Kein Gott, der erfordert, dass man sein Hirn ausschaltet und es nur dann wieder aktiviert, um nach der Uhr zusehen. Kein Gott, der als Ersatzdroge für andere Abhängigkeiten herhalten muss. Kein Gott, an den man glauben muss, und wenn man es nicht tut, kein Recht auf Heilung hat. Kein Gott, der einem die Freundin genehmigen muss. Kein Gott, dessen Anhänger auf andere Menschen mit dem Finger zeigen, wenn sich abseits des Dogmas verhalten. Kein Gott, der Homosexuelle und Andersdenkende verachtet. Kein Gott, der seine angeblichen Stellvertreter reich macht, weil sie andere ausnutzen können. Kein Gott, der Menschen so sehr hasst, um sie in ewiges Fegefeuer zu stecken, wenn sie seinen Erwartungen nicht gerecht werden. Kein Gott, der selbst einfachste wissenschaftliche Zusammenhänge ignoriert. Kein Gott, der einem Teenager Schuldgefühle einredet, nicht gut genug an ihn zu glauben, ihn deswegen nicht erfahren zu können und deswegen vielleicht sogar die Heilung der Mutter zu verhindern.

Der Euro Teenager Congress 1994 war meine letzte charismatische Großveranstaltung. Während ich nach Hause fahre, sage ich meinen Eltern, dass ich mich freue, dass sie mich abgeholt haben. „Och, das ist doch kein Problem“, sagt mein Vater. Er antwortet mir.

Für meinen Vater, der für seine Kinder alles macht. Und für meine Mutter, die trotz ihrer schweren Krankheit immer für mich da war und es heute immer noch ist. Ich liebe Euch. 

2011: Das Jahr in Scheiben

Aus musikalischer Sicht war 2011 ein eher ruhiges Jahr für mich. Ich habe mir für meine Verhältnisse wenige Alben gekauft und mich vornehmlich mit den Klassikern meiner CD-Sammlung beschäftigt. In meiner iTunes-Playlist befinden sich aber dennoch ein paar sehr geile Neuzugänge von Bands, von denen ich einige erst jetzt für mich entdeckt habe, obwohl es sie seit Jahren gibt. Darunter auch eine Truppe aus Kanada, die nun zu meinen absoluten Lieblingsbands zählt. Anyway: Über einige dieser Alben möchte ich schreiben.

Amon Amarth – Surtur Rising
Metal Blade, 2011

Es geht los mit einer köstlichen Portion Melodic Death Metal aus Schweden. Die achte Langrille von Amon Amarth bringt nix, aber auch gar nix Neues aufs Tablett, mir ist das aber herzlich egal. Die Herrschaften mit ihrem Gespür für geile, tragende Melodien gehen irgendwie immer. Insbesondere die beiden Songs Slaves of Fear und der Rausschmeißer Doom Over Dead Man sind so mitreißend, dass man mich öfter im Büro beim sozialverträglichen Headbangen ertappt. Die iTunes-Version hatte das System-of-a-Down-Cover Aerials als Bonustrack, was ebenfalls keine Schande ist.

 

Amorphis – The Beginning of Times
Nuclear Blast, 2011

Amorphis sind irgendwie angekommen. Die Finnen verfolge ich seit ihren deathmetallischen Anfängen auf The Karelian Isthmus, von denen sie sich bis auf die gelegentlichen Growls von Frontmann Tomi Joutsen weitgehend verabschiedet haben. Mit den nächsten Alben kamen die Doom- und Melodic-Einflüsse sowie die Folk-Schlagseite. Was Amorphis heute machen, ist atmosphärischer Metal mit gelegentlichen Folk- und Progressive-Einschlägen. Drei Dinge zeichnen die Band aus. Der eben erwähnte Joutsen, dessen Stimme sowohl im Growl-, als auch im Clean-Modus überzeugt. Das melodische Gitarrenspiel von Esa Holopainen mit hohem Wiedererkennungswert. Der Bursche hat ein tolles Gefühl für schöne Melodien. Und die stets passenden und nie nervigen Keyboards von Kasper Mårtenson, die dem Sound die richtige Wärme verleihen. Die Band hat meiner Meinung nach ihren perfekten Stil gefunden. Besonders aufregend ist wie schon bei Amon Amarth auf The Beginning of Times nichts, bei einem göttlichen Song wie Crack In a Stone kann ich das aber locker verschmerzen. Weiter so, die Herren, und wir sehen uns im Januar hoffentlich live.

 

Unexpect – Fables of a Sleepless Empire
Eigenvertrieb, 2011

Ich zitiere mal meinen Beitrag, den ich im August auf Google Plus zum Thema Unexpect veröffentlicht habe:

„Kein Wunder, dass das neue Unexpect-Album völlig an mir vorbeigegangen ist, so ganz ohne Label und Distributor im Hintergrund. Kaufen kann man es fast nur bei der Band direkt, was ich gestern auch gleich mal gemacht habe. Und dann unter anderem im Flac-Format runterladen, so muss das sein! Nach vier Durchläufen bin ich mir sicher, dass das hier im Rückblick für mich die Platte des Jahres 2011 sein wird. Einfach nur geil, das Album, von vorne bis hinten, ein musikalischer Orgasmus quer durch zig Genres. Ich bin süchtig.“

Nach mindestens dreißig weiteren Durchläufen gehe ich mittlerweile soweit, Unexpect als meine Lieblingsband zu bezeichnen. Mir hat es noch nie so viel Spaß gemacht, ein Stück Musik zu ergründen. Wer Unexpect das erste Mal hört und eher selten avantgardistische Musik einlegt, ist mindestens völlig überfordert, vielleicht sogar komplett abgeschreckt. Es klingt mitunter, als würden die Bandmitglieder hier drei Songs gleichzeitig spielen. Wer hingegen offen an die Sache ran geht und die nötige Zeit investiert, dem erschließt sich irgendwann die wunderbare Logik hinter dem Chaos. Die Kanadier scheren sich einen Scheiß um Genre-Konventionen und Junge, tut das gut.

 

Machine Head: Under the Locust
Roadrunner Records, 2011

Ich fand Machine Head jahrelang scheiße, ohne jemals bewusst einen Song von ihnen gehört zu haben. Schuld war ein Bild im Rock Hard, auf dem Rob Flynn mir dermaßen unsympathisch war, dass ich die Band daraufhin mied. Bis ich 2007 The Blackening bei einem Kumpel hörte, das ich mittlerweile zu einem der besten Metalalben der letzten 15 Jahre zähle. Auf Under the Locust haben die Jungs von Machine Head die Lust an Experimenten etwas zurückgefahren, aber sieben extrem starke Thrash-Granaten versammelt, von denen ich besonders das hymnische Who We Are (mit Kinderchor!) und das melodische Darkness Within immer wieder hören kann. Letzteren Song gibt’s in einer coolen Akustik-Version als Bonustrack.

 

Year of the Goat – Lucem Ferre (EP)
Ván Records, 2011

Weil ich gerade faul bin, zitiere ich auch hier Google+:

„Okay, es kommt nicht oft vor, dass mir der Mund offen stehen bleibt, nachdem ich einen neuen Song gehört habe, aber das hier ist ja wohl der Oberhammer. Wer auch nur einen Funken für 70er-Jahre Psychedelic-/Occult-Rock übrig hat, der dürfte eine, Verzeihung, feuchte Hose kriegen. Wow. Ok, die restlichen Songs auf der EP sind noch stärker. Und iTunes kennt die CD nicht. Shame on you, iTunes.“

Viel mehr gibt’s eigentlich nicht zu hinzuzufügen. Mir sagen Year of the Goat in diesem Genre auch mehr zu als beispielsweise The Devil’s Blood oder Ghost (die gleich kommen). Ich freue mich sehr auf das Debütalbum, an dem die Herrschaften gerade sitzen.

 

Ghost – Opus Eponymous
Plastic Head, 2010

Es bleibt ach so satanisch und finster. Hier mein Vortrag in diesem Jahr über die Kapuzenheinze mit ihrem Antipapst:

“Dank den sensationellen Year of the Goat bin ich gerade wieder auf dem Doom-Metal-/Düster-Hardrock-Trip, und da ist mir diese fantastische Band eingefallen, deren Debüt Opus Eponymous bei mir gerade mal wieder dauerrotiert. Ghost kommen aus Schweden und machen eine Mischung aus Doom Metal und Hardrock, der teilweise fast schon poppig daherkommt – und das ist keinesfalls negativ gemeint.

Zunächst fällt aber das Auftreten der Band auf: Frontmann Papa Emeritus soll eine Art satanischer Antipapst sein, seine Mitmusiker sind unter dunklen Hoodies und Masken versteckt und werden im Booklet einfach als Nameless Ghouls bezeichnet. (Hinter der Totenkopfmaske des Zeremonienmeisters steckt wohl Tobias Forge, ein schwedischer Musiker, den Eingeweihnte aus der Death Metal-Combo Repugnant kennen dürften, der aber auch in Alternative-Projekten am Start ist). Die einzelnen Songs nennt der unheilige Papa Rituale. Trotz dieser wirklich dick aufgetragenen Optik und den nicht gerade hintergründigen, fast schon plumpen, quasi “romantisch-satanischen” Texten schaffen es Ghost, zumindest auf mich nicht peinlich zu wirken. Die Scharade funktioniert, weil sie sich auf exzellente Songs lehnen kann und der Atmosphäre deswegen extrem zuträglich ist. Zudem hat der Papa eine sehr angenehme (wenngleich nicht besonders voluminöse) Stimme, und seine Ghouls tragen zwar keine Namen, können dafür aber ihre Instrumente gut bedienen. Und eine coole Idee ist es, als Intro für das Konzert die sakralen Klänge dieses opernhaften Synthie-Themas aus Eyes Wide Shut zu verwenden, als Tom Cruise diese nette “Party” besucht – das passt wie der Papa zum Emeritus!”

 

Red – Until We Have Faces
Essential, 2011

Quasi kurz vor Ende des Jahres kam ich durch Dream-Theater-Gitarrist John Petrucci auf diese Band, die in den USA wohl richtig abräumt, hierzulande aber eher ein Nischendasein fristet. Im Kontrast zu den beiden Finsterlingen eben verteilen Red eine positive, christliche Message. Vor allem aber schweinegeile, toll gespielte Songs mit einer extrem fetten Produktion. Erst dachte ich, Red wäre ein müder Linkin Park-Abklatsch ohne Rap, wurde aber schon nach dem ersten Song eines Besseren belehrt. Für mich persönlich sind die Songs auf Until We Have Faces so viel besser als Linkin Park, dass die Jungs um Mike Shinoda Fernrohre brauchen, um auf dieses Niveau gucken zu können. Zudem ist das Cover der Scheibe ein echter Hingucker.

 

The Dillinger Escape Plan – Option Paralysis
Seasons of Mist, 2010

Kollege Matti Sandqvist von der Games Aktuell hat (für einen Finnen) einen exquisiten Musikgeschmack, was er bei einem Brettspielabend unter Beweis stellte, als er The Dillinger Escape Plan auflegte. Meine schriftliche Reaktion bei G+ darauf:

„Eigentlich ist es unglaublich, dass es The Dillinger Escape Plan bereits seit 1997 gibt, ich die Band aber erst vor einem Tag entdeckt habe. Was für eine geniale Mischung aus Grindcore, geilen Melodien, jazzigen Parts und extrem komplexen Arrangements. Jazzcore beziehungsweise Mathcore nennt man das wohl. Ich nenne es einfach geile Musik mit Wumms und genau der richtigen Mischung aus Emotionalität und Kopf. Mit klasse Musikern und einem absolut fantastischen Sänger, der sich abwechselnd die Seele aus dem Leib kreischt, dass es eine wahre Wonne ist, dann wieder seine gefühlvolle Clean-Stimme einsetzt. Es gibt offenbar so viele geniale Songs der Band, dass ich gar nicht weiß, auf welchen ich hier verlinken soll. Ich versuch’s mal zum Einstieg mit dem zugänglichen “Milk Lizard”. Weitere Anspieltipps sind das etwas anspruchsvollere Farewell, Mona Lisa und die wunderschöne Ballade Widower. Großartig!“

Dem habe ich sonst nichts hinzuzufügen.

 

Dream Theater – A Dramatic Turn of Events
Roadrunner, 2011

Nach dem teilweise lächerlichen Drama um dem Ausstieg Mike Portnoys und der eher peinlichen Casting-„Show“, bei der Mike Mangini zum neuen Drummer gekürt wurde, musste die neue Platte zünden, ansonsten wäre bei den Fans die Hölle los gewesen. Deswegen ging man im Hause Dream Theater auf Nummer Sicher, ließ Mangini bei den Songs auch nicht groß mitschreiben und schuf quasi eine 2011er-Version des Erfolgsalbums Images&Words, bei der sich sogar manche Songstrukturen ähneln.

Ich finde, dass das genau der richtige Schritt für die Band war. Endlich versuchen Petrucci & Co, sich nicht zwanghaft irgendwelchen Trends anzubiedern, sondern machen einfach das, was sie gut können: virtuos gespielten Progressive Metal. Ein großes Plus der Platte sind die Keyboards von Jordan Rudess. Der Maestro spielt sehr songdienlich und wichst nicht mehr gar so arg auf dem Tastenfeld herum. Was den neuen Drummer Mike Mangini betrifft: Nur wenn man genau hinhört, merkt man, dass da nicht einfach der Herr Portnoy hinter der Schießbude hockt. Insgesamt enthält das Album die stärksten Songs seit drei Scheiben, insbesondere On The Backs of Angels, Build Me Up Break Me Down, Outcry, This Is The Life und das mit einem göttlichen Petrucci-Solo gesegnete Beneath the Surface können viel. Weiter so.

 

The 3rd and the Mortal – Tears Laid in Earth

1994, Voices of Wonder

The 3rd and the Mortal sind für meinen Klassiker des Jahres verantwortlich. Ich habe das Album seit 1994 bestimmt schon 500 Mal gehört, bekomme aber immer noch eine Gänsehaut, wenn Kari Rueslåtten ihre entzückende Stimme erhebt. Nie fand ich sie besser als hier. Why So Lonely ist einer der schönsten Songs der Welt, die Platte von vorne bis hinten ein Traum. Schade, dass The 3rd and the Mortal seit Jahren auf Eis liegen.

Sehr metallisch ausgefallen ist meine Liste, merke ich gerade. Gut so, die harte Fraktion stellt meistens meine Favoriten im Jahr. Es gibt noch einige andere Schätze (und Langweiler), die ich dieses Jahr entdeckt habe, über die ich vielleicht ein anderes Mal schreiben werde. Ich wünsche derweil hoffentlich gute Musik zum Jahreswechsel!

Die Gleichgültigkeit kann mal schön kacken gehen

Wie die meisten anderen großen Medien vermeldete gestern auch ein Artikel bei Zeit Online einen weiteren Schicksalsschlag für Teresa Enke, die Witwe des verstorbenen Fußballers Robert Enke. Ihr Bruder Florian Reim war „kurz vor Weihnachten“ überraschend verstorben, nachdem sie 2006 bereits ihre zweijährige Tochter verlor. Anschließend beschreibt die Newsmeldung Reims Arbeit als Sportwissenschaftler und schließt mit dem Hinweis auf Teresa Enkes Engagement bei der Robert-Enke-Stiftung, die sich für Maßnahmen gegen Herz- und Depressionskrankheiten einsetzen.

Es ist eine Nachricht, die man nicht gerne lesen will, schon gar nicht in der Weihnachtszeit, in der so gerne die heile Welt beschworen wird. Sie machte mich betroffen, ich empfinde Mitleid mit Teresa Enke. Sie führte mir vor Augen, dass die Probleme meines täglichen Lebens auf manche Menschen lächerlich wirken müssen. Es ist die Art von Erkenntnis, die man gerne mit anderen Leuten teilen möchte. Also leitete ich die Nachricht ohne groß darüber nachzudenken an einen Freund weiter.

Dessen Reaktion darauf wühlte mich letztendlich mehr auf als die Meldung selbst. Der Zeit-Artikel sei widerlich und überflüssig, polterte er. Er diene im Prinzip nur dazu, Teresa Enke als Mitleidsfigur zu etablieren, obgleich die vielleicht gar keine Lust darauf habe, als Opferlamm dargestellt zu werden. Auf den Punkt gebracht: Die Zeit betreibe hier billigen Sensationsjournalismus. Meinen Einwand, dass der aus meiner Sicht eher nüchterne Artikel in mir keine Sensationsgeilheit auslöse, sondern ich mir durch solche Nachrichten bewusst mache, wie gut es mir eigentlich geht und wie beschissen anderen Leuten, ließ er nicht gelten.

Ich glaube, seine genauen Worte waren: „Die Zeit kann mal schön kacken gehen.“

Mit einer Mischung aus Verständnis und Entrüstung ob dieser Sichtweise trollte ich mich aus der Diskussion. Im Hinterkopf ließ mich das Thema den ganzen Tag nicht mehr los. Rein faktisch hat mein Freund im Prinzip Recht. Reim war keine Person des öffentlichen Lebens – sein Tod wurde nur vermeldet, weil man ihn mit dem bekannten Namen Teresa Enkes in Verbindung bringen konnte. Und das generiert natürlich entsprechendes Interesse. Dann ist da die Notiz im Artikel, dass Teresa Enke sich auf Anfrage der Bild-Zeitung nicht zu dem Thema äußern wolle (gut, wer würde das schon wollen) – aus Rücksicht auf die Privatsphäre ihrer Familie. Liest man den entsprechenden Artikel in der Online-Ausgabe der Bild, gibt es lediglich ein paar Statements von Robert Enkes damaligem Club Hannover 96, der Robert-Enke-Stiftung sowie die Versicherung, dass DFB-Chef Theo Zwanziger eine Beileids-SMS versendet habe. Auch Karl Rothmund, DFB-Vize, beeilt sich laut Bild, Teresa Enke einen Kondolenzbrief zu schreiben. Diese öffentlich zur Schau gestellte Anteilnahme irgendwelcher Vorsitzender und Funktionäre hat immer einen faden Beigeschmack, auch wenn die dahinterliegenden Motive ehrbar sein mögen. Und etwas übel kann einem medial halbwegs aufgeklärten Menschen dann schon werden, wenn man die zahlreichen, mit teils unerträglichen Headlines versehenen Folgeartikel auf Bild Online liest.

Aber die medialen Zusammenhänge beschäftigen mich weniger. Stattdessen hat die Diskussion mich grübeln lassen, ob Mitleid mit anderen Menschen tatsächlich ein negatives Gefühl sein kann, das dem Bemitleidenden eher schadet, als ihm zu nützen. Ich kann diese Frage nur für mich, praxisbezogen und frei Schnauze beantworten. Es wäre sicher hilfreich, für ein tiefergehendes Verständnis dem Weg des tapferen Philosophie- oder Pädagogikstudenten zu folgen, nämlich schnurstracks in die nächste Unibibliothek zum Quellenstudium. Das Thema und die unterschiedlichen Mitleidstheorien in wissenschaftlicher Gründlichkeit zu behandeln, würde hier jedoch jeglichen Rahmen sprengen. Wer sich dennoch dafür interessiert, der sollte sich zum Einstieg im entsprechenden Artikel auf Wikipedia einen Überblick verschaffen und sich dann die üblichen Verdächtigen wie Rousseau, Descartes und Schopenhauer vorknöpfen, trotz schlimmer Kopfschmerzgefahr am besten die Originaltexte, dann erst die passende Sekundärliteratur. Denn Mitleid ist ein dehnbarer Begriff – Leo meldet neun mögliche Übersetzungen ins Englische, deren Bedeutungen sich teilweise deutlich voneinander unterscheiden.

Noch wach? Gut.

Friedrich Nietzsche

Denn einen der schlauen Herren muss ich doch bemühen, und zwar den guten Nietzsche. Der herzlose Sack konnte Mitleid nämlich nicht ausstehen, wenn ich ihn denn richtig verstanden habe. Dabei richtete sich sein Zorn nicht an den Mitleidenden, sondern an den Bemitleideten. Er hasste Menschen, die durch ihr „Klagen und Wimmern“ quasi ihre letzte Karte ausspielen: Macht über den Mitleidenden. Das Gefühl zu erlangen, trotz ihrer Schwäche noch wichtig genug zu sein. Ein Lustgefühl dabei zu haben, der Welt sozusagen ihre Schmerzen zu übertragen. Ein rücksichtsloses Verhalten sei das, tobte Nietzsche, aus seiner Sicht wohl so widerlich wie der Zeit-Artikel nach Meinung meines Freundes. Man kann Nietzsches Doktrin an einem simplen Praxisbeispiel nachvollziehen: Wir alle haben mindestens eine wehleidige Mimose in unserem Bekanntenkreis, die uns in schöner Regelmäßigkeit den letzten Nerv kostet und der wir am liebsten die Gurgel umdrehen würden, damit sie endlich Ruhe gibt. Wäre es also nicht besser, auf den Mitleidsquatsch zu verzichten, damit wir uns alle besser fühlen?

Meiner Ansicht nach kann der Nietzsche mal schön kacken gehen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es einen Mann, der aus heiterem Himmel einen schlimmen Schicksalsschlag mit noch ungewissem Ausgang im engsten Familienkreis hinnehmen muss, welcher sein Privatleben vollkommen auf den Kopf stellt. Er geht mit seinem Unglück extrem offen um. Er schreibt über seine Gemütslage und erfährt viel Anteilnahme aus seinem Kollegenkreis. Er betont oft, wie viel Kraft ihm das gebe, dass ihm jeder positive Gedanke helfe. Laut Nietzsche handelt es sich bei meinem Bekannten also um einen verdammt rücksichtslosen Kerl.

Ich habe einen Heidenrespekt vor dem Mann gewonnen und denke oft an ihn, voller Hoffnung, dass sich seine Situation zum Guten wendet. Ich weiß nicht, ob ich in seiner Haut überhaupt in der Lage wäre, einen Schritt zu tun, geschweige denn, eine halbwegs produktive Zeit zu verbringen.

Und trotzdem dachte ich bei einem seiner letzten Beiträge neulich: „Och, jetzt ist aber langsam gut.“

Obwohl es niemand mitbekommen hatte, schämte ich mich zehn Sekunden später in Grund in Boden. Mein Mitleid war offenbar für den Moment in den Kurzurlaub entschwunden und ich habe mich für den einfachen Weg des Ignoranten entschieden, der an allen Ecken und Enden lockt.  Dabei habe ich bisher nichts Konkretes für ihn unternommen. Mehr als ein paar aufmunternde Zeilen in einer E-Mail habe ich in die Sache nicht investiert. Stattdessen habe ich bisher als Zaungast auf meinem Arsch gesessen. Und trotzdem hat mein Egoismus es geschafft, sich genervt zu fühlen. Dabei weiß ich, dass es ihn alles andere als stört, wenn man Anteilnahme zeigt. Im Gegenteil, ihm nach eigenem Bekunden sogar hilft. Es kostet mich keinerlei Anstrengung, seine Beiträge zu lesen.

Politker erwecken bisweilen Mitleid, aber nicht immer Hilfsbereitschaft. (Bildquelle: Wikipedia / Fdp nds / CC-Lizenz 3.0)

Wir nehmen uns die Freiheit heraus, als Nichtbetroffene eine Vorauswahl zu treffen, ob Mitleidsempfinden anderen Personen schaden könnte. Oder wir ziehen uns reflexartig zurück, weil es uns die Aufwendung oder Hingabe kosten könnte, uns für ein paar Sekunden von unserem nüchternen und aufgeklärten Dasein zu verabschieden. Ich halte das für bedenklich, da die Alternative, nämlich Gleichgültigkeit, erst recht nicht hilft. Das soll kein Plädoyer für einen altruistischen Lebensstil sein. Dazu mache ich selbst viel zu wenig. Aber Mitleid ist die entscheidende Emotion, die uns auch unabhängig von wirtschaftlichen Interessen dazu antreibt, Lösungen zu schaffen, um Probleme auf der Welt zu beheben, bei denen es häufig um Leben und Tod geht. Die uns ermöglicht, andere Menschen, die weniger Glück haben als wir, aus dem Dreck zu ziehen. Richtig kanalisiertes Mitleid ist unser Katalysator für uneigennützige Hilfsbereitschaft, sofern es denn vom Herzen kommt und nicht aufgrund sozialer Sachzwänge.

Selbstverständlich kann es etwa einen behinderten Menschen in den Wahnsinn treiben, wenn man ihm sein Mitleid und seine Hilfbereitschaft aufzwängt und ihm Tag vor Tag vor Augen führt, wie hilfsbedürftig er doch ist. Selbstverständlich wird es Teresa Enke nicht helfen, wenn ein Boulevardblatt ihr Haus belagert und sie in Funk als Fernsehen für alle Zeiten als Opferlamm inszeniert wird. Aber wir verkneifen uns das Mitleidsgefühl aus voreiliger Rücksichtnahme viel zu oft – und senken damit unsere Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen.

Ich glaube, dass ehrlich empfundenes Mitleid Teresa Enke nicht schadet. Ich bin kein Esoteriker. Aber mir will nicht in den Kopf, wie ein positiver Gedanke, die Hoffnung, dass sie die Kraft findet, trotz der Desaster in ihrem Leben den Willen aufzubringen, weiter zu existieren und dereinst vielleicht wieder Glück finden zu können, das Gegenteil bewirken würde. Aufrichtig empfundenes Mitleid mit einem anderen Menschen zu zeigen, ist ein Zeichen von Respekt, und nicht etwa eine Erniedrigung, wie es etwa die verfressenen Adligen im Mittelalter gelegentlich zelebrierten. Und richtig gut wird Mitleid dann, wenn es den Wegbereiter für Hilfsbereitschaft stellt.

Der Zeit-Artikel geht in dieser zurückhaltenden Form in Ordnung, selbst wenn er Teresa Enke instrumentalisiert, denn er führt brutal vor Augen, dass es manchen Menschen schlechter geht als anderen. Er wiegt den faden Beigeschmack auf, wenn er nur einen von zehn Lesern zum Nachdenken bringt. Vielleicht überlegt der sich beim nächsten Mal, wenn er über ein Lebewesen stolpert, das Hilfe braucht, auch ohne viel Gewese, Selbstinszenierung und Überheblichkeit inne zu halten und tatsächlich einfach zu helfen. Oder zumindest ein paar tröstende Worte zu spenden. Und die alltägliche Arschloch-Nummer, den Zynismus und die Gleichgültigkeit mal für eine Sekunde schön kacken zu schicken. Vielleicht bewirkt er das auch bei mir.

11/22/63 – Der Anschlag von Stephen King – Buchkritik

Schon wieder time travel! Erst im November fraß ich mich durch sechs Staffeln Doctor Who und hatte meinen Bedarf an Zeitreise-Storys eigentlich für mindestens ein Jahr gedeckt. Die Beschreibung von Stephen Kings neuem Werk 11/22/63 (deutscher Titel: Der Anschlag, VÖ: 23. Januar 2012) machte mich auch sonst nicht an: Ein Mann reist in die Vergangenheit, um das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern. Kennedy kenne ich vor allem aus Filmen: JFK – Tatort Dallas von Oliver Stone über das Attentat (interessant, aber zu lang und verschwörungstheoretisch), Thirteen Days von Roger Donaldson über die Kubakrise (spannend, aber zu episch und verklärt) und Bubba Ho-Tep von Don Coscarelli, in dem ein vermeintlicher, farbiger Kennedy im Altersheim eine Nebenrolle spielt (großartig). Aus meiner Sicht ist über das Thema JFK also alles gesagt, zumal ich als Europäer auch keine so starke emotionale Bindung zu der Figur habe wie vermutlich ein Amerikaner.

Zudem habe ich als King-Dauerleser in den letzten Jahren einige Tiefschläge des Meisters einstecken müssen. Vor allem das von der Kritik gefeierte, für mich unsäglich langweilige Lisey’s Story (dt. Love) und das ebenso schwerfällig in Fahrt kommende Duma Key (dt. Wahn), Kings gefühlt drölfzigste schriftstellerische Verarbeitung seines schlimmen Unfalls vor einigen Jahren, erschließen sich mit einfach nicht. Für mich hat King bei diesen Büchern sein altes Credo vergessen, vor allem auf eine gut erzählte Geschichte Wert zu legen und nicht auf Metaebene-Gewichse. Dann enttäuschte mich seine aktuelle Kurzgeschichtensammlung Full Dark, No Stars (dt. Zwischen Nacht und Dunkel), obwohl er gerade in dieser Disziplin in der Regel glänzt. Zwar war sein letzter Roman Under the Dome (dt. Die Arena) wieder wesentlich stärker (und er wäre noch stärker gewesen, hätte King mindestens 200 Seiten gekürzt), dennoch ist das Vertrauen für den Blindkauf dahin, das ich ihm einst entgegenbrachte.

Also wäre Der Anschlag wohl bis auf weiteres an mir vorübergegangen, aber dann kam der Amazon Cyber Monday, wo die britische Ausgabe des englischen Hardcovers ein paar Euro günstiger angeboten wurde. Und so landete das knapp 750 Seiten starke Buch dann doch auf meinem Nachttisch. Wenn mir der Einwurf gestattet ist: Obwohl ich aus Umweltgründen ein Verfechter des E-Readers bin, geht doch nichts über den Geruch eines frisch gedruckten Buches!

Der Held in 11/22/63 ist der Englischlehrer Jack Epping, der sich mit einem Abendkurs für Erwachsene ein bisschen Extrageld verdient. Eines Tages liest er den Aufsatz des Hausmeisters Harry, der von einem grauenvollen Abend in seiner Kindheit berichtet, an dem sein Vater seine Mutter und seine beiden Geschwister mit einem Hammer ermordete. Harry wurde dabei so schwer verletzt, dass er den Rest seines Lebens körperlich schlimm gezeichnet verbringen muss. Kurz darauf offenbart Jacks Freund Al, dass sich in der Abstellkammer seines Diners ein Portal ins Jahr 1958 verbirgt. Der schwerkranke Al bittet Jack, in der Zeit zurückzureisen und das Kennedy-Attentat zu verhinden, das am 22.11.1963 in Dallas begangen wurde. Al sieht darin einen entscheidenden Wendepunkt der Geschichte zum Schlechteren: „Or what about Vietnam? Johnson was the one who started all the insane escalation. […] Kennedy might have changed his mind. Johnson and Nixon were incapable of that. Thanks to them, we lost almost sixty thousand American soldiers in Nam. The Vietnamese, North and South, lost millions.”*

Nachdem sich Jack von seinem ersten Schock erholt hat, ist er fasziniert. Er denkt aber weniger an Kennedy, sondern an Harry – den Hausmeister mit der schrecklichen Kindheit. Was wäre, wenn Jack dieses Ereignis verhindern könnte? Oder würde das Herumfuhrwerken an vergangenen Ereignissen einen Schmetterlingseffekt auslösen und die Zeitlinie so verändern, dass die Welt im Jahr 2011 völlig anders aussehen würde – am Ende vielleicht sogar alles viel schlimmer wäre? Da die Zeitlinie bei jedem erneuten Betreten des Portals zurückgesetzt wird, beschließt Jack, nicht auf seinen Verstand, sondern auf sein Herz zu hören und das Risiko einzugehen.

Dass King Jack dieses persönliche Motiv auf den Weg gibt, hilft enorm dabei, sich auf die Story einzulassen, vor allem wenn einem Kennedy im Grunde herzlich egal ist. Und es ermöglicht, großzügig über die hanebüchene Ausgangslage hinwegzusehen. Woher das Zeitportal kommt und warum es sich ausgerechnet im Lager eines Restaurants mitten in Maine befindet, hat nicht wichtig zu sein. King folgt dem Lost-Prinzip: Die Insel ist halt da, deal with it! Wichtig ist Jack Epping, der iPhone, Internet & Co. hinter sich lässt, um sich 1958 ein neues Leben aufzubauen. Denn Epping hat keine TARDIS  wie Doctor Who und kann sich auch nicht beliebig in der Zeit vor- und zurückbewegen. Kehrt er ins Jahr 2011 zurück, muss er beim nächsten Besuch in der Vergangenheit wieder von vorne beginnen. Und er hat auch keinen “Sonic Screwdriver” oder sonstiges Zauberwerkzeug, lediglich die Ergebnisse der damaligen Pferderennen, was ihm später noch zum Verhängnis werden soll.

Die ersten 450 Seiten sind die stärksten des Buchs: Jack erlebt in der King-Kultstadt Derry die verhängnisvolle Nacht in Hausmeister Harrys Leben, integriert sich in die lebendig und überzeugend dargestellte Welt von 1958 (Die Wahrheit ist: Ich habe keinen Schimmer, ob das von King beschriebene 1958 mit der Realität übereinstimmt. Ist aber auch egal, es hört sich halt alles richtig an),  lernt seine unvermeidliche große Liebe kennen und kommt einem gewissen Lee Harvey Oswald auf die Spur – eben jenem Herren, der laut Geschichtsbüchern dem 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten in Dallas von einem Fenster aus in den Kopf geschossen hat.

Oswald (beim Lesen hatte ich ständig Garry Oldmans Oswald aus JFK – Tatort Dallas vor Augen) ist in 11/22/63 ein ausgesprochen unsympathischer Zeitgenosse: Er prügelt seine Frau, lässt sich von seiner irren Mutter tyrannisieren und vom zwielichtigen George de Mohrenschildt wie eine Marionette steuern. Man mag es kaum glauben, dass ein solcher Einfallspinsel tatsächlich für ein Attentat dieser Tragweite verantwortlich zeichnet. King verbringt extrem viel Zeit mit dem Charakter und seinem Umfeld, liefert viel Hintergrundwissen, ergeht sich dabei aber dankenswerterweise nicht in wilde Verschwörungstheorien, um die Handlung dramatischer zu machen. Weil er mit vielen Fakten aufgeladen ist, wirkt der Oswald-Handlungsbogen sehr realistisch. Allein: Er ist weder besonders spannend noch berührend, sondern ziemlich öde. Während King sich seitenweise über Oswald und Kumpanei auslässt, möchte man viel lieber über Jacks gemeinsame Erlebnisse mit seiner Geliebten lesen, die von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt wird. Der ganze Zeitreisekram in 11/22/63, die Story um Oswald, Kennedy und Hausmeister Harry, das alles ist ganz nett, das Packende in Der Anschlag ist aber die epische Lovestory von Jack Epping und seiner Geliebten Sadie. Zwar ist das Sujet alles andere als neu. King erzählt die gemeinsame Geschichte der beiden Charaktere aber sehr anrührend und nachvollziehbar, freilich mit einem erträglichen Maß an Kitsch.

Mein Hauptproblem mit Der Anschlag ist der unstimmige Rhythmus bei der Erzählung der beiden, vor allem in der Mitte des Buchs voneinander losgelösten Handlungsstränge: Jacks persönlichen Erlebnisse auf der einen und seine meist distanzierte und beobachtende Beschäftigung mit Oswalds Machenschaften auf der anderen. Das fällt besonders deswegen negativ auf, weil beiden Erzählungen in unterschiedlichen Genres spielen. Ein Zeitreise-Liebesdrama trifft mit Karacho auf eine trocken inszenierte Krimigeschichte. Es war wohl zu schwer, die beiden Geschichten stärker miteinander zu verweben, dazu hätte King zu viel an den bekannten Fakten um Oswald herumschrauben müssen. Das Geschehen um den historisch verbrieften Kennedy-Attentäter ist extrem komplex und erforderte ein riesiges Maß an Recherche, wie er im Nachwort selbst anmerkt.

Aber so bleibt eben ein unstimmiger Nachgeschmack zurück – so ähnlich wie nach der Sorte Sex, an der man selbst große Freude hatte, der Partner im Eifer des Gefechts aber auf der Strecke geblieben ist. Man ist grundsätzlich befriedigt, es hätte aber besser laufen können. Anders gesagt: Wenn man nicht gerade von Haus aus interessiert am Thema Kennedy-Attentat ist, liest sich Der Anschlag über weite Strecken langweilig. Nicht langweilig genug, um das Buch wegzulegen, dafür ist man zu sehr mit den Charakteren verbunden, aber langweilig genug, um zu hoffen, dass diese Passagen schnell enden. Ich glaube, dass die Geschichte in einer Verfilmung wesentlich runder wirken könnte, da die den Erzählfluss bremsende Beschreibung von Oswalds Gaunereien in wenigen Szenen abgehandelt wäre. 11/22/63 hätte das Plus an Zugänglichkeit verdient, zumal das Ende – was für King nicht typisch ist – durchaus mit den besten Augenblicken im Buch mithalten kann und visuell für bleibende Leinwand-Erinnerungen sorgen könnte. Laut Entertainment Weekly konnte sich Jonathan Demme die Rechte an Der Anschlag sichern – der Mann, der sich mit Das Schweigen der Lämmer als Regisseur unsterblich gemacht hat. Die Zeichen stehen also gut.

Apropos Verfilmung: Wie wäre es mal mit dem Kennedy-Attentat in Doctor Who? Wenn man schon Churchill bringt (fast hätte ich Hitler geschrieben, aber Hitler mit Kennedy zu vergleichen, hinterlässt einen noch schlechteren Nachgeschmack, wie nach Sex, bei dem sämtliche Teilnehmer nicht auf ihre Kosten kommen), dann könnte man sich doch auch mal Kennedy vorknöpfen. Ich kann nämlich von Zeitreise-Storys offenbar doch nicht genug bekommen.

11/22/63 (amerikanische Fassung) sowie 11/22/63 (UK-Fassung) ist bei Amazon.de erhältlich, ebenso wie die deutsche Version Der Anschlag (VÖ: 23. Januar 2012) vorbestellt werden kann.

* Zitat aus King, Stephen: 11.22.28, 1. Auflage, Hodder & Stoughton London, S. 55

Größtenteils harmlos

Willkommen, Fremdling. Nach jahrelanger Pause und einem halbherzig versuchten, deswegen wohl gescheiterten Neuanfang auf Google+ ist dies hier mein aktueller Versuch, privat mal wieder längere Texte im Web zu veröffentlichen, über Themen, die mich bewegen. Zwar könnte ich das problemlos auch auf Facebook oder eben auf Google+ tun und damit wohl auch eine deutlich größere Leserschaft erreichen. Mein Problem: Ich neige zur Geschwätzigkeit und langen Texten, mit denen ich gern auch mal etwas in die Tiefe gehe. Manchmal versenke ich sie dabei mit einem lauten Plumps im Klo der Lesbarkeit. Egal, ob der Text am Ende gut ist oder nicht: Social networks wie Google+ oder Facebook sind für derlei Eskapaden einfach nicht geeignet, schließlich geht’s da ums Kontaktieren und um den Zeitvertreib nebenbei. Dafür sind mir meine Texte, die guten wie die schlechten, dann doch zu schade.

Was übrigens nicht heißt, dass jeder veröffentlichte Text tiefgründig sein soll. Oder das hier überhaupt noch weitere Texte erscheinen werden. Ich muss mich überhaupt nicht rechtfertigen! Das ist nämlich meine Seite, das ist das Schöne dran. Ich kann sie auch einfach wieder offline nehmen, wenn ich das möchte. Oder pink einfärben. Das kann ich beides nicht bei Facebook, wobei es mir öfter in den Fingern jucken würde. Wem nicht?

Was mich übrigens auch aufregt: Wenn mein Bein eingeschlafen ist und ich dringend aufs Klo muss. So wie jetzt gerade eben. Ich humple mal eben rüber.

Immer noch da? Gut! Also, zusammengefasst: Mir macht Schreiben auch privat Spaß, und das Blog ist einfach eine gute Plattform für mich, meine Ergüsse in den sagenumwobenen Zustand “veröffentlicht” zu bekommen, was auf mich sehr befreiend wirkt. Ähnlich wie der Gang zum Klo eben, aber doch ganz anders. Mehr zu meiner Motivation gibt es im Bereich „Über mich“. Eigentlich ist dieser erste Blogeintrag komplett überflüssig, aber irgendwie muss man ja anfangen. Ich merke gerade, dass er dreimal das Wort “Klo” enthält, jetzt viermal – das geht ja gut los.  Damit sich das Lesen dieser Einleitung doch noch lohnt, gibt’s zum Abschluss noch das vermutlich beste YouTube-Video.